Zukunft der Banken

7.3.2. Fintechs, Bigtechs und die spannende Zukunft der Finanzindustrie

Ein Beitrag zum Thema Fintechs & Bigtechs von Alexander Pavlov, Procedera Consult GmbH


Weltweit sorgen sich Banken um ihre Existenz und die Zukunft der Finanzbranche. Denn in den letzten zehn Jahren sind erstmals Wettbewerber aufgetreten, die ihren Ursprung nicht in der traditionellen Bankenwelt haben: Fintechs und Bigtechs. Beide Begriffe tauchen mittlerweile regelmäßig in den Medien auf. Doch was verbirgt sich hinter ihnen?


Fintechs — Tempomacher und Partner

Fintechs sind Finanzunternehmen, die es aufgrund von vorwiegend im IT-Bereich angesiedelten Innovationen und einer vergleichsweise schlanken Organisationsstruktur geschafft haben, einen Teil der Wertschöpfungskette der Banken zu revolutionieren. Innerhalb kürzester Zeit haben sie sich zu Taktgebern entwickelt, die Richtung und Tempo der Innovationen in der Bankenwelt vorgeben und eine neue Erwartungshaltung auf der Kundenseite generieren. Traditionelle Banken müssen nun überdenken, wie sie ihre Kundenbeziehungen erhalten und pflegen.

Doch trotz großer Pläne ist es Fintechs nicht gelungen, ernsthaft Bankkunden abzuwerben oder ein neues Finanzsystem zu entwickeln, das die Bedürfnisse der Gesellschaft besser abdeckt als das bestehende. Sie haben sich in den letzten Jahren nicht zu Konkurrenz, sondern vielmehr zu Partnern der etablierten Institute entwickelt. Bankvorstände und Fintech-Gründer sehen mittlerweile den größten Nutzen für beide Seiten in sinnvollen Kooperationen.


Bigtechs — große Unternehmen mit großem Potenzial

Unter dem Schlagwort Bigtechs werden die weltweit größten technologischen Unternehmen wie Apple, Amazon, Google, Alibaba und Facebook zusammengefasst. Diese zeigen mittlerweile vermehrt Interesse an einem Einstieg in Finanzdienstleistungen. Zu den erfolgreichen Beispielen für solche Versuche zählen Alipay, Applepay sowie die Kreditkarten von Amazon.

Während sich Fintechs bereits etabliert haben, sind die Pläne der Bigtechs noch in ihrer Entstehung. Sicher ist aber schon heute, dass sie das größere Potenzial haben, die komplette Bankenindustrie zu revolutionieren.


Neue Entwicklungen fördern neue Marktteilnehmer

Es stellt sich natürlich die Frage, warum es heute möglich ist, dass sich Bankfremde als Wettbewerber
der etablierten Institute positionieren. Es gibt vier grundsätzliche Entwicklungen, die die dafür nötigen Voraussetzungen geschaffen haben:

  • Die Entwicklung der Technologien an sich: Höhere Rechenleistung, schnellere Internetverbindung, leistungsstärkere Endgeräte und bessere P2P-Architektur sind hier nur einige der Stichwörter.
  • Kunden sind besser informiert als je zuvor und haben dementsprechend immer höhere Ansprüche. Durch das Internet und Social Media sind sie nun auf Augenhöhe mit Unternehmen.
  • Die Gesetzgebung hat sich verändert und mit der PSD II wurden zum Beispiel Markteintrittsbarrieren für neue Marktteilnehmer wesentlich erleichtert.
  • Die wachsende Komplexität der Bankgeschäfte und historische Veranlagungen haben dazu geführt, dass traditionelle Banken nicht mehr in allen Aspekten ihrer Dienstleistung Spitzenqualität liefern können.

Die anstehenden Entwicklungen werden zukünftig noch mehr Möglichkeiten für neue Marktteilnehmer bieten. Dieser Umstand lässt sich weder stoppen noch verlangsamen. Banken sollten besser heute als morgen Strategien entwickeln, mit denen sie auf die neue Konkurrenz antworten und — noch wichtiger — ihre Führungsrolle in der Branche zurückgewinnen.


Die Schlüsselfaktoren der Bigtechs

Vielen Bankern und Analysten ist das größere Potenzial von Bigtechs nicht bewusst. Deswegen glauben sie, dass diese an den gleichen Hürden scheitern werden, die bereits die Fintechs ausgebremst haben: die breite Kundenbasis und die verschärfte Regulatorik, die mit einer Banklizenz einhergeht.

Die großen Technologieunternehmen haben jedoch eine viel bessere Ausgangsbasis, um die Bankenwelt nachhaltig zu verändern.

Bessere Prozesse: Ein Bankkonto online innerhalb von acht Minuten zu eröffnen, eine Kreditmöglichkeit rund um die Uhr in wenigen Minuten zu prüfen oder eine EC-Karte via Handy sperren zu lassen, sind nur ein paar der Beispiele für effiziente Prozesse, moderne Workflow-Systeme und einen hohen Automatisierungsgrad, die für Fintechs, aber auch für Auslandsbanken in Deutschland inzwischen Standard sind.

Mit diesen USPs (Unique Selling Proposition) machen die neuen Player den traditionellen Banken erfolgreich Geschäftsfelder streitig. Bigtechs stehen diese Möglichkeiten ebenfalls offen.

Unternehmenskultur: Jeff Bezos beschreibt die 1-Day-Unternehmenskultur von Amazon in folgender Weise: „Wir versuchen jeden Tag, die Bedürfnisse unserer Kunden etwas besser zu verstehen und neue Lösungen für sie zu entwickeln. Wir wollen jederzeit motiviert und offen für Neues sein, deswegen ist bei uns immer Tag 1. Tag 2 ist Stillstand. Gefolgt von Irrelevanz. Gefolgt von qualvollem Abstieg. Deswegen wollen wir bei Amazon immer Tag 1 haben.“

Breite und teilweise sehr loyale Kundenbasis: Apple ist seit kurzem das erste Unternehmen mit einem Wert über einer Billion Dollar. Das sagt sehr viel über die Kunden des Unternehmens aus. Sie blieben ihm auch in seinen schwierigen Zeiten treu und investierten in dessen Zukunft, in dem sie selbst neue Produkte kauften, die nicht innovativ waren.

Enorme Finanzkraft: Es gibt einige Fintechs in Deutschland, die so erfolgreich sind, dass sie Banken einen Teil ihrer Kundschaft genommen haben. Zwei Beispiele dafür sind die Fidor Bank und N26. Doch ein Blick in die Zahlen beider Unternehmen zeigt, dass sie besonders in ihren Anfangszeiten einen sehr hohen Finanzierungsbedarf hatten.

Diese Tatsache verlangsamt Innovationen, und in bestimmten Fällen sind Fintech-Gründer sogar gezwungen, ihr Unternehmen einer Großbank zu verkaufen, wie es bei der Fidor Bank der Fall war.

Große IT-Unternehmen wie Amazon oder Alibaba hätten dieses Problem nicht, wenn sie sich für die Finanzbranche entscheiden.

Bessere Datenanalyse: Sean Parker, einer der Gründer von Facebook, gab öffentlich zu: „Heutzutage weiß Facebook mehr über die Nutzer als die Nutzer selbst“. Spätestens seit den letzten Ereignissen rund um Facebook zweifelt niemand mehr daran, dass diese Aussage zutrifft. Facebook ist heute mit fast zwei Milliarden Nutzer „der größte Staat der Welt“. Wenn das Unternehmen aus dem Silicon Valley so viele Informationen erfolgreich analysieren und sogar das Ergebnis der US-Wahlen beeinflussen kann, sollten auch maßgeschneiderte Finanzprodukte keine Herausforderung sein.

Die Regulatorik: erleichterte Verfahren für neue Player. Die Initiative „The Regulatory Sandbox“ von FCA, der britischen Finanzaufsicht, für Startups in der Finanzbranche hat ein Umdenken der Aufsichtsbehörden in einigen Ländern angestoßen. Andere Vorreiter im Thema Regulatorik für Fintechs wie beispielsweise die Niederlande und Australien planen eine zweite Welle von Maßnahmen mit dem Ziel, Innovationen zu fördern, ohne dass die Stabilität des Finanzsystems gefährdet wird. Dies kann sich als eine sehr positive Entwicklung
für Bigtechs erweisen, da sie eine Banklizenz benötigen, um Bankgeschäfte vollumfänglich abzuwickeln.
Auch die BaFin teilte in ihrem letzten Jahresbericht mit, dass sie solche Maßnahmen vorbereitet bzw.
teilweise schon umsetzt.


Wie können Banken zu Vorreitern werden — und bleiben?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Jedoch gibt es in der Finanzbranche Entwicklungen, die das Potenzial haben, die Karten der Marktteilnehmer neu zu mischen. Strategisch gut aufgestellten Banken könnte es so gelingen, sich erneut auf die Seite der Gewinner zu stellen:

Machtübertragung: Die Unternehmen, die eine Leistung „herstellen“, werden in Zukunft viel weniger Macht haben. Entscheidend wird vielmehr die Plattform sein, die diese Dienstleistung an die Endkunden vertreibt. Das bedeutet, dass Plattformen mit benutzerfreundlicher Oberfläche und breiter Kundenbasis sogar die Chance hätten, Druck auf die „Hersteller“ der Leistung auszuüben und die Entwicklung derer Geschäftsmodelle zu beeinflussen. Das ist längst der Fall bei Amazon. In einem solchen Umfeld werden die Unternehmen strategische Vorteile haben, die über eine starke Marke verfügen und ihren Kunden Sicherheit (besonders wichtig bei Finanzdienstleistungen) bieten können.

Kommodifizierung der Kosten: Die Niedrigzinsphase und das Tempo der Innovationen zwingen Finanzunternehmen, ihre Kosten zu reduzieren, indem sie viele Prozesse automatisieren oder komplett auslagern. In Zukunft werden viele Marktteilnehmer standardisierte und völlig automatisierte Prozesse für die üblichen Produkte vorhalten. Das bedeutet, dass reduzierte Kosten für bestimmte Prozesse keine strategische Differenzierung am Markt bedeuten werden. Unternehmen müssen an anderen Stellschrauben drehen, wenn sie sich erfolgreich positionieren möchten. Diejenigen, die weiterhin hohe Kosten haben, werden hingegen nicht mehr überleben können.

Leihsoftware von Bigtechs: Schon heute stützen sich viele Finanzunternehmen weltweit immer mehr auf Standardlösungen von Bigtechs, anstatt eigene Software zu entwickeln. Ein Beispiel dafür sind die Amazon Web Services, die Prozessautomatisierung und Datenspeicherung zu einem Bruchteil der Kosten einer eigenen Entwicklung anbieten. Banken müssen sich entscheiden, ob sie langfristig von Bigtechs abhängig sein wollen — der Ausstieg ist nur sehr schwierig möglich — oder ob sie in die Entwicklung von individuellen Lösungen investieren wollen.

Monetarisierung von Kundendaten: Das Gold der Banken liegt nicht mehr im Tresor, sondern in den Kundendaten. In Zukunft werden die Unternehmen enorme strategische Vorteile haben, die erfolgreich mit der wachsenden Menge von Kundendaten umgehen können. Und zwar nicht nur mit den eigenen und statischen Daten, sondern auch mit denen der gesamten Wertschöpfungskette — dynamisch und in Echtzeit.

Um mehr Kundendaten zu generieren, entwickelt Facebook seine Plattform so, dass immer mehr Nutzer sie besuchen und immer mehr Zeit dort verbringen. Die generierten Daten werden vom Unternehmen monetarisiert und beispielsweise für maßgeschneiderte Angebote benutzt. Inwiefern solch eine Strategie moralisch einwandfrei ist, lässt sich auf jeden Fall diskutieren. Eines ist aber sicher: Wer die kontinuierlich wachsenden Kundendaten erfolgreich analysiert, hat die besten Chancen, die Zukunft nicht nur zu überleben, sondern
auch zu gestalten.


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